Samstag, 29. Dezember 2012

Wettkampf der besten norddeutschen Schwertkämpfer in Hamburg

Impression von der Norddeutschen Meisterschaft im Iaido
Die einen nennen es etwas scherzhaft "Schwert-Ballett", die anderen "Trockenübungen der Samurai" und für wieder andere ist es eine der intensivsten Formen von Zen. Iaido, der japanische Schwertkampf mit eben jenem berühmten Schwert der Samurai und die Kunst des schnellen Schwertziehens, hat von allem etwas, ist aber vor allem eine sehr anspruchsvolle Kampfkunst, die Körperbeherrschung bis in die kleinsten Details voraussetzt.

Gekämpft wird gegen einen imaginären Gegner in genau vorgegebenen Formen, die "Kata" genannt werden und denen die Kämpfer möglichst genau entsprechen müssen - je gelungener die Annäherung an die idealtypische Ausführung der Übung, desto besser. Somit für alle, die diese Kampfkunst ernst nehmen ein echter "lifetime sport", denn wer die "Grundschule" erfolgreich absolviert hat, den erwarten in den "höheren Schulen" des Iaido immer anspruchsvollere Übungen.



Vor wenigen Wochen war es soweit und Hamburg war Ende November unter der Leitung von Sensei Takao Momiyama Austragungsort der offenen norddeutschen Meisterschaften. Bedenkt man, dass Deutschland derzeit Europameister im Iaido ist und zum Wettkampf auch Mitglieder der deutschen Nationalmannschaft in Hamburg antraten, dann ist es nicht übertrieben zu behaupten, dass die Zuschauer dieser Meisterschaft Iaido mitunter auf europäischem Niveau zu sehen bekamen.

Eine einstimmige Entscheidung der Kampfrichter
Hier einfach nur einmal ein paar kurze Impressionen zum neugierig werden:

video
 

Hamburg hat dabei das Glück, nicht nur prominente Meister und vor allem auch Meisterinnen wie Angela von der Geest als Trainerpersönlichkeiten anbieten zu können, sondern hat auch in allen Himmelsrichtungen erstklassige Vereine für diese Kampfkunst zu bieten. Im Osten Hamburgs wurde beim TSV Reinbek gar das erste Iaido-Dojo Deutschlands gegründet.

Bei aller Tradition gibt es auch in dieser Kampfkunst stetig Verbesserungen und jeder, der diese Kampfkunst ausübt, hat die Möglichkeit im Sinne des Zen auf dem festen Fundament eines sicheren, formalen (aber auch strengen) Rahmens sein eigenes "Iai" zu finden.


Alles Wissenswerte über Iaido findet ihr hier: http://www.iaido.de

Wer neugierig geworden ist, findet unter diesem link bestimmt einen Verein in der Nähe, um einmal in Iaido reinzuschnuppern: http://www.niaib.de





Sonntag, 23. Dezember 2012

Konsulat statt Generalkonsulat



Zum Jahresende gibt es leider noch eine schlechte Nachricht zu vermelden. Der offizielle Ankündigungstext berichtet knapp von einer Umstrukturierung japanischer Auslandsvertretungen, bei der auch das Hamburger Generalkonsulat zum 31. Dezember 2012 geschlossen und durch ein ("normales") Konsulat abgelöst wird, nach wie vor an gleicher Stelle.  

Auf Nachfrage bestätigte das (noch) Generalkonsulat, dass zunächst weder die Dienstleistungen, noch der Amtsbereich noch die bisherigen Ansprechpartner sich ändern würden. Wie es nach dieser Übergangsphase weiter gehen wird, darüber liegen nach Auskunft der Pressestelle noch keine weiteren Informationen vor, wenngleich der gesetzte Termin zugegebenermaßen sehr knapp sei.

Die Erfahrung legt leider die Schlußfolgerung nahe, dass es bei derlei Umstrukturierungen in erster Linie um Einsparungsmaßnahmen geht, wobei der bedeutendste "Kostenfaktor" aus betriebswirtschaftlicher Sicht regelmäßig bei den Personalkosten zu suchen ist. Es steht zu befürchten, dass nach mehreren Krisenjahren ohne Aussicht auf ein Ende weiterer Krisen wir uns nicht nur in diesem Bereich an schlechte Nachrichten werden gewöhnen müssen. Auch eine der leistungsstärksten Volkswirtschaften der Welt bleibt also von krisenbedingten Einschränkungen nicht verschont, unser Bedauern vermag daran leider nichts zu ändern. Gerüchteweise war im Vorfeld ja bereits mehrfach von einer kompletten Schließung des Konsulats die Rede, wir Hamburger sollten demnach wohl froh sein, dass uns das Generalkonsulat wenigstens als Konsulat erhalten bleibt.

Dennoch, die Entscheidung des japanischen Außenministeriums ist für Hamburg ein Schlag ins Kontor. Und das nicht nur aus Prestigegründen. Was dies für die weitere wirtschaftliche Zusammenarbeit bedeuten mag, mögen kompetentere Autoren beurteilen. Aus Sicht der Kulturschaffenden stellt sich die Situation allerdings betrüblich bis bedrohlich dar: 

Hamburg konkurriert auf kulturellem Gebiet mit größeren (wenngleich zum Teil noch krasser unterfinanzierten) Weltstädten wie Berlin, London und Paris um die Gunst der Touristen aus aller Welt. Diese strömen in die Metropolen, weil es dort etwas zu erleben gibt, was ihnen zuhause nicht geboten wird. Das Zugpferd für die in Hamburg mit stolzgeschwellter Brust vermeldeten, stetig steigenden Besucherzahlen der Hansestadt ist eindeutig und mit Abstand die Kultur in ihren vielen Facetten. Denn gerade diese Vielseitigkeit macht die Attraktivität einer Großstadt aus. Und Hamburg als Hafenstadt mit Einwohnern aus fast allen Ländern der Erde bildet hier kulturell gesehen quasi den gesamten Globus en miniature ab. Aber Kultur auch finanzieren? In der Krise musste die Kulturförderung bislang als erste mit einer mehr oder minder Null-Diät klar kommen, oft wurden in den vergangenen Jahren von den bisherigen Förderungseinrichtungen nicht einmal kleinste Beträge übernommen.

Im Unterschied zu anderen Ländervertretungen, wie beispielsweise Italien, das mit großem Erfolg hier ein überregional bedeutendes und sehr beliebtes Kulturinstitut betreibt oder Großveranstaltungen wie der "China Time", verfügt Hamburg außerhalb der Japanologie an der Universität über keine Institution, die das japanische Kulturleben in Hamburg regelmäßig und in nennenswertem Umfang umtreibt - mit Ausnahme der in Hamburg sehr, sehr hochkarätig vertretenen Kampfkünste, die sich aber auf ihr Metier beschränken. Ein japanisch-deutsches Zentrum wie in Berlin oder Köln stünde der Hansestadt allein schon aufgrund der umfangreichen wirtschaftlichen, menschlichen und kulturellen Beziehungen zu Japan gut an, aber fehlt vollständig.

Das Generalkonsulat war mangels anderer funktionierender Einrichtungen daher bislang der kommunikative und Dreh- und Angelpunkt des japanisch-deutschen kulturellen Lebens in Hamburg und darüber hinaus häufig einer der wichtigsten Sponsoren, oft mit einem offenen Ohr für hochspezialisierte traditionelle Kunstformen

Wenn nun die personellen und finanziellen Möglichkeiten dieser zentralen Institution empfindlich eingeschränkt werden sollten, wäre dies für das kulturelle Leben der Hansestadt eine empfindliche Einbuße, war doch in den vergangenen zwei Jahren trotz der Bemühungen des Generalkonsulats ein Rückgang japanbezogener Veranstaltungen von über fünfzig Prozent zu verzeichnen

Mit der Umstrukturierung des Generalkonsulats zum Konsulat bewegt sich Hamburg somit einmal mehr weg vom Wettbewerb mit Weltstädten wie Berlin, London und Paris hin zur Konkurrenz mit Großstädten wie Hannover, Frankfurt oder Düsseldorf. Aus lokalpatriotischer Sicht eindeutig ein Rückschritt, aus kultureller Sicht steht wohl eine schmerzhafte Verarmung an, die nicht nur den Einheimischen viel von der Lebensqualität ihrer Stadt zu nehmen droht, sondern auch in touristischer Hinsicht sich zu einem Debakel entwickeln dürfte. 
  
Bleibt nur zu hoffen, dass das künftige Konsulat und seine Vorgesetzten in Tokyo sich sichtbar und erlebbar ihrer Verantwortung für die Außendarstellung Japans in Hamburg bewußt sein mögen und kulturell einige Zeichen setzen werden, die mehr als ein oder zwei größere Veranstaltung miteinbeziehen. 




    

 

Freitag, 30. November 2012

And the winner is...


Bei unserer Verlosung eines Exemplars des Buches von Sascha W. Felix 
"Fukushima - Der Westen und die Kultur Japans" 
heißt die glückliche Gewinnerin: Kim Kant.

Wir gratulieren herzlich und bedanken uns bei allen, die an der Verlosung teilgenommen haben!

Schaut demnächst mal wieder rein, es sind weitere Verlosungen geplant.

Donnerstag, 8. November 2012

Japan richtig verstehen!?

-->Mit seinem Buch „Fukushima - Der Westen und die Kultur Japans“ kämpft Sascha W. Felix gegen deutsch-japanische Mißverständnisse und katastrophalen Katastrophen-Journalismus



Ein Rezensent sollte in einer Buchbesprechung Objektivität walten lassen - was mir jedoch anläßlich der letzten Veröffentlichung des Anfang Januar diesen Jahres leider viel zu früh verstorbenen Sprachwissenschaftlers Sascha W. Felix doppelt schwer fällt.

Zum einen hatte ich mehrfach das Vergnügen, Professor Felix bei seinen Vorträgen zu erleben und muss deshalb als im positiven Sinne befangen gelten, denn in sehr angenehmer Erinnerung bleibt mir das Blitzen und Leuchten in seinen Augen, wenn er über Japan sprach, stets begeistert und mit der Erfahrung eines intimen Freundes Japans, wobei seine „Außenperspektive“ auf das Land aufgrund seiner engen persönlichen Kontakte mitunter fast schon als subjektiv gefärbte japanische Innenperspektive gelten konnte.

In den nunmehr eineinhalb Jahrzehnten, in denen ich mich mit Japan beschäftige, habe ich nur selten eine „Langnase“ getroffen, deren Vorträge so profunde Innenansichten Japans auf faszinierende, unterhaltsame und stets persönliche Weise vermitteln konnten, obwohl Felix es stets (wie auch in diesem, seinem letzten Buch) ablehnte, als „Japanexperte“ zu gelten - und das trotz der Tatsache, dass Japan über mehr als eineinhalb Jahrzehnte schon fast als sein „Zweitwohnsitz“ gelten konnte und er für seine Arbeit als Präsident der Deutsch-Japanischen Gesellschaft Passau vom japanischen Kaiser mit dem Orden der aufgehenden Sonne ausgezeichnet wurde. Im Gegenteil zu Professor Felix begegneten mir in der Vergangenheit dagegen häufiger Deutsche, die für mehrere Jahre in Japan aus beruflichen Gründen gelebt hatten (oder einen japanischen Ehepartner hatten) und weitaus weniger von der Kultur Japans verstanden. Und nicht zuletzt: Seine Kenntnisse der japanischen Sprache machten uns Sprachanfängern viel Mut - Professor Felix bewies, dass tatsächlich auch deutsche Muttersprachler Japanisch in Wort UND Schrift erlernen können. Seine Tipps zum Japanischlernen, die er stets bereitwillig und großzügig gab (Vorsicht: Blitzen in den Augen!), waren wirklich sehr hilfreich (damals wußte ich noch nicht, dass er zu den führenden Wissenschaftlern seiner Generation in Sachen Fremdsprachenerwerb zählte).

Zum anderen habe auch ich mit dem Problem des Mißverstehens der japanischen Kultur zu kämpfen, mit dem sich das Buch über weite Strecken befasst, denn auch mein eigener - deutsch-italienisch-angloamerikanischer - Blick auf Japan ist höchst subjektiv gefärbt und Ergebnis meines eigenen Zugangs zu Land und Kultur. Doch das Buch widmet sich über das Problem des richtigen oder falschen Verstehens der japanischen Kultur, insbesondere aufgrund der mehr oder minder stereotypen Berichterstattung in den hierzulande dominierenden Medienformaten, auch noch weiteren Themen, bei denen die subjektive Perspektive der Leser weniger ins Gewicht fällt.

Der einhundertsiebenundachtzigseitige Band lässt sich zunächst grob in zwei so gut wie gleich umfangreiche Teile aufgliedern. Im ersten Teil des Buches schildert Felix, warum er eine bereits länger geplante sowohl berufliche als auch private Reise in den Nordosten Japans Ende März 2011 trotz der Reaktorkatastrophe nicht absagte und wie sich seine subjektiven „innerjapanischen“ Erfahrungen aus erster Hand darstellten, wobei diese‚ Erfahrungen schließlich dafür sorgten, dass er sich mit der Berichterstattung über Erdbeben und Reaktorkatastrophe in den deutschen Medien sehr kritisch bis polemisch auseinandersetzt. Im zweiten Teil des Buches gibt Felix dann einen „Crashkurs“ über japanisches Denken und Verhalten, das allen Neu-Interessierten helfen kann, kulturelle Unterschiede besser (und vor allem möglichst vorurteilsfrei) zu verstehen.

Offen gestanden sagte mir - wohl aufgrund meiner eigenen „Prägung“ - der zweite Teil des Bandes wesentlich mehr zu als der erste. Hier sind viele Informationen versammelt, die aus früheren Vorträgen über Japan stammen und hier zeigt sich Felix von seiner gewohnt fesselnden, humorigen und originellen Seite. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Teil weitaus länger von Interesse für die Leser bleiben wird, als die aktuelle Diskussion um Fukushima, die Folgen und seine mediale Darstellung. Denn Felix macht auf knappen Raum vieles besser als andere Darstellungen über Japan: 

Seine Beispiele zum Verständnis typisch japanischer kultureller Besonderheiten (und Eigenheiten!) sind aus dem Alltagsleben mit Bedacht gewählt, sind höchst interessant und ohne Umschweife kompetent wie verständlich erklärt und deshalb ideal für „Einsteiger“. Die Leser bekommen tatsächlich ein gutes Gefühl für das, was sich grob als japanische „Mentalität“ bezeichnen ließe - und zwar für die „Lichtseiten“ (aus westlicher Sicht) genauso wie für die (für uns eher nervigen) „Schattenseiten“. Leser in späteren Zeiten werden hier einmal sehr aufschlußreiche kulturgeschichtliche Blitzlichter der gegenwärtigen Epoche in Japan finden können. Gleichzeitig vergisst der Band aber auch nicht, seine Leser mit den wichtigsten grundlegenden geschichtlichen Hintergründen zu versorgen und sogar einen gedrängten Einstieg in die Eigenheiten und den Aufbau der japanischen Sprache zu geben, wie immer bei Felix stets im interkulturellen Vergleich. Wer seine Vorträge kannte, die bis in die jüngste Vergangenheit hinein auch viele junge Menschen begeisterten, findet hier über weite Passagen „Professor Felix at his best“.

Ein wesentlich geteilteres Echo dürfte hingegen der erste Teil des Buches finden, der dem Band den Titel gab und der den aktuellen Anlaß für dessen Veröffentlichung darstellte. 

Zunächst gibt das Buch interessante Einblicke in den Lebensalttag im Nordosten Japans im Kontrast zur Weltstadt Tokyo. Wie bei Professor Felix üblich erhält der Leser auf kompakte und unterhaltsame Weise die historischen Hintergründe gleich mitgeliefert und erfährt nebenbei alles Wissenswerte über die in Japan viel diskutierte „Inselmentalität“ der Japaner. Aufschlußreich sind auch die Schilderungen der Lebensumstände und der Versorgungslage auf seiner Reise (S.48ff.). Ebenso kontrastiert der Text im Folgenden die Ruhe, Geduld und Sachlichkeit, mit der in Japan versucht wurde, die Notsituation zu beherrschen mit der „Welle der Panik und Hysterie“ (S.19) im achttausend Kilometer entfernten Deutschland, wobei der deutschen Presse vorgeworfen wird „in apokalyptischen Endzeitvisionen“ zu schwelgen (S.19).

Und genau hier dürften die Meinungen wohl dauerhaft auseinandergehen, denn war die vorübergehende Warnung des Auswärtigen Amtes vor Flügen nach Japan wirklich „reine Panikmache“ (S.21), wie Felix glaubt und der Exodus der westlichen Ausländer „um ihre Haut zu retten“ (S.21) in der damaligen Situation tatsächlich so verwerflich? Hier muss wohl jeder für sich selbst entscheiden.

Wer der deutschen Medienberichterstattung hingegen Einseitigkeit vorwirft, so wie Felix, kann allerdings so gut wie nie falsch liegen – im vorliegenden Fall war es die Tatsache, dass die recht baldige Rückkehr der meisten Botschaften nach Tokyo gezielt unerwähnt blieb (S.21) und auch die ausgeprägte Sensationsgier samt Wertungen deutscher Medien stellt Felix vollkommen zu Recht an den Pranger. Auch wenn man über die von Felix gewählte Tonart geschmacklich streiten mag, erhellend sind die gewählten Beispiele allemal. Gleichzeitig berichtet Felix von japanischer Verachtung und Zorn über „German Angst“ (S.21) sowie Deutsche, die in Japan blieben und sich über die deutsche „Atompanik“ lustig machten (S.22). Felix baut hier einen Gegensatz auf zwischen der laut seiner Darstellung sachlichen japanischen Berichterstattung und der reißerischen deutschen. Es bleibt aus medienwissenschaftlicher Sicht jedoch die Frage, ob diese „Sachlichkeit“ der japanischen Medien nicht ebenso einem bestimmten Zweck unterworfen ist wie die absatzorientierte Emotionalisierung der deutschen Berichterstattung (vgl. S.29), nämlich durch betont emotionslose, rein Fakten darbietende Nüchternheit die Emotionalität aus den kommunizierten Inhalten herauszunehmen und so das Aufkommen von Angst, Schrecken und Panik durch Emotionslosigkeit gezielt zu vermeiden? 

Aus medienwissenschaftlicher Sicht ist weder die eine noch die andere Art mit Nachrichten umzugehen zweckfrei oder „neutral“ – zumal laut Felix bei der sachlichen Berichterstattung das staatliche Fernsehen die Vorreiterrolle besitzt (S.35). Man muss einem Staatssender nicht korrupte, komplizenhafte Verschwörung mit der Energieindustrie unterstellen, wie dies gegenüber NHK von deutschen „kritischen“ Journalisten getan wurde - ob man einem Staatssender jedoch völlige Interessenlosigkeit unterstellen darf, wie der Autor dies offenbar tut, mögen die geneigten Leser selbst entscheiden.

Wenn Menschen in einem Umkreis von dreißig Kilometern um das Atomkraftwerk Fukushima das Betreten des Geländes verboten wird, spricht man im Japanischen laut Felix von „Überwachungszone“, im deutschen „Panikjournalismus“ (S.24) hingegen von „Todeszone“ (S.24). Derlei Beispiele lassen sich beliebig fortsetzen. Der Autor bezichtigt deutsche Journalisten häufig deshalb der Panikmache, weil sich zum Zeitpunkt der Berichterstattung nichts genaues über die Situation sagen ließ. In diesem Sinne klagt das Buch die Kritisierten zu Recht der Unseriösität an – doch bedeutet dies gleich, dass die Ereignisse in Fukushima letztlich harmlos sind? Diesen Eindruck erweckt das Buch jedoch verschiedentlich (vgl. S.87, S.97).

Wenn zum Beispiel zum Zeitpunkt der Abfassung eines Artikels über das Ablassen von tausenden von Tonnen radioaktiv verseuchten Wassers in den Ozean der deutschen Autorin des Artikels vorzuhalten ist: „was das für die Umwelt in der Zukunft bedeutet oder auch nicht, weiß weder sie [die kritisierte deutsche Journalistin, T.T.T] noch irgendjemand anderes“ (S.25), dann ist aufgrund dieser Wissenlücke bis zum Vorliegen der fehlenden Informationen aus rein logischer Perspektive jede Deutung möglich – von der Apokalypse bis hin zur Meinung, das sei alles nicht wirklich bedrohlich.

Treffender erweist sich die Kritik des Bandes wiederum, wenn belegt wird, dass deutsche Journalisten mitunter deshalb Unsinn berichten, weil sie keine Ahnung von der japanischen Entschuldigungskultur haben (S.30). Gut belegt wird auch, dass deutsche Journalisten in der Regel nur aus zweiter oder dritter Hand berichten, weil ihnen Japanischkenntnisse fehlen. Hierbei erweist sich als problematisch, dass englischsprachige Quellen aus Japan sich von japanischen Quellen in der Landessprache mitunter deutlich unterscheiden. Nach meiner eigenen Erfahrung aus meiner Zeit als Journalist kann ich hier noch ergänzen, dass fast alle Kollegen, die ich in diesen Jahren kennen lernte, nicht einmal über halbwegs solide Englischkenntnisse verfügten, was das Ganze noch schlimmer macht. Gleichwohl räumt Felix ein, dass aufgrund dieser Lage beispielsweise die Nachrichtenagentur Kyodo mit ihrer Auswahl an Nachrichten in englischer Sprache „zumindest teilweise für das Panikbild in der westlichen Presse mit verantwortlich zu sein“ scheint (S.31).

Zu teilen ist aus meiner Sicht die Kritik, dass bundesdeutsche Medien durch ihre Wertungen die Darstellung oft – teilweise sogar grotesk – verzerren, wofür der Text eindeutige Beispiele anführt (vgl. S.72f.) und ich schließe mich ebenfalls der Kritik des Buches an, dass sich unsere Journalisten für internationale Ereignisse außerhalb der „westlichen Hemisphäre“ zu wenig interessieren (S.38). Der Autor geht dann aber so weit, diesem Zentrismus die unausgesprochene Überzeugung zu unterstellen: „WIR sind die Herren der Welt und wir sagen den anderen, wo es lang geht.“ (S.38). Hier geht der Text erneut genau so vor, wie die Journalisten, die er zu Recht kritisiert. Schade. Mitunter stimmt der Text sogar ein „germans bashing“ an, die sich angeblich allzu leicht überfordert und verunsichert fühlen und gleich nach Mutter Staat rufen (vgl. S.52, S.58).

Der Darstellung des Buches zufolge war bereits Ende April 2011 das Stromsparen in Japan ein wichtigeres Thema als die mögliche Strahlenbelastung (S.60). Letztlich bleibt trotz der nachdrücklichen Darstellungsweise auch nach der Lektüre vieles für die Leser offen für eigene Interpretationen: Wenn Felix richtigstellt, dass der damalige Premier die Haltung zur Kernenergie anläßlich der Ereignisse in Fukushima überdenkt, dann müssen die Leser wohl selbst entscheiden, ob dies, wie die deutsche Presse (nach Felix zu Unrecht) titelt, eine „radikale Wende“ in der Energiepolitik Japans darstellt oder nicht (vgl. S.75). Ketzerisch ließe sich in diesem Zusammenhang bei so viel Polemik fragen, ob die Entscheidung, die japanischen AKWs nach Fukushima einem „stress test“ zu unterziehen am Ende nicht doch ein Ausdruck von „German Angst“ war?

Zentraler Vorwurf des Buches an die deutsche Medienlandschaft bildet die Behauptung „Nur solche Nachrichten werden in den Vordergrund gerückt, die dem propagierten Weltbild entsprechen bzw. die sich für Horrorszenarien eignen.“ (S.83). Der Band zitiert hier einen Focus-Bericht, demzufolge auf dem damaligen Niveau Gesundheitsschäden in der Evakuierungszone laut japanischen Forschern ausgeschlossen seien (S.83). Aber solche Nachrichten erschienen laut Felix bloß am Rande, denn die „Leser sollen ja nicht informiert werden, sondern in ihren Meinungen und Anschauungen entsprechend der Redaktionslinie manipuliert werden.“ (S.84). Stimmt’s?

Im Folgenden zieht der Text als Vergleich die Katastrophe in Tschernobyl heran und zitiert aus einem WHO-Bericht, dem zufolge von 1986 bis 2005 insgesamt fünfzig Personen an radioaktiver Verstrahlung starben (S.87) – will der Text hier unterschwellig verharmlosen?

Ähnlich zweifelhaft will mir eine andere Passage erscheinen, in der der Autor zu bedenken gibt, dass nicht nur Regierungsverlautbarungen kritisch zu hinterfragen sind, sondern auch die Angaben derjenigen Nicht-Regierungs-Organisationen, die die Aussagen der Regierung in Frage stellen, denn, wenn laut Felix diese Organisationen (wie Greenpeace oder Global 2000) die Umweltgefahren nicht dramatisieren oder übertreiben würden, „so würde sich die Organisation vom Ansatz her selbst überflüssig machen“ (S.97). Positionen, die die Lage in Japans Nordosten als gefährlich oder bedrohlich einschätzen, kommen so bei Felix erst gar nicht zu Wort, wodurch sein Buch ebenso selektiv mit Informationen umgeht wie die Journalisten, die von Felix der unangemessenen bis tendenziösen Auswahl von Informationen beschuldigt werden (vgl.97).

Der für Felix letztlich zentrale Punkt der (kulturbedingten) unterschiedlichen Berichterstattung besteht darin, dass japanische Medien sich auf die Frage „Was ist passiert?“ konzentrierten, deutsche Medien hingegen sich auf die Frage fokussierten „Was könnte passieren, wenn dieses oder jenes einträte?“ (S.88). Mir erscheint, dass für sich allein genommen beide Einstellungen deutliche Nachteile für das menschliche Handeln aufweisen, eine „Symbiose“ wäre meines Erachtens sicherlich vorteilhafter.
  
Gleichzeitig wird der Band in seiner grundsätzlich berechtigten Schelte deutscher Pseudo-Experten aber leider mitunter so ausnehmend polemisch, daß der Text genauso unsachlich zu werden droht wie die Äußerungen der kritisierten deutschen Journaille. Auch Felix emotionalisiert nach Kräften statt sachlich zu bleiben und liefert die Wertungen der dargestellten Ereignisse gleich mit – was, wie der Band selbst nahelegt, vielleicht „den Deutschen“ in „den Genen“ stecken mag...

Dennoch möchte ich trotz der hier genannten Einwände das Buch vor allem für Einsteiger in das Thema Japan, aber auch für alle Anfänger im Bereich „irgendwas mit Medien“ wärmstens empfehlen, denn trotz aller gelegentlichen Einseitigkeit und teilweise krassen Polemik öffnet das Buch auf amüsante Art und Weise die Augen für das katastrophale Niveau des deutschen Journalismus, also einem im doppelten Wortsinne „Katastrophen-Journalismus“, der in unserer Gegenwart vollkommen zu Recht konstant an Bedeutung verliert. Und darüber hinaus gibt es einen ersten Einblick in die Mentalität, Geschichte und Eigenheiten Japans aus der für uns Japan-Besucher so wichtigen Alltagsperspektive, den man sich vor der ersten Reise oder den ersten Kontaktversuchen zu Japanern unbedingt einmal zu Gemüte geführt haben sollte.
 
Bibliographisches: Felix, Sascha W. (2012): Fukushima - Der Westen und die Kultur Japans. LIT-Verlag, Münster.

Und nun aufgepasst:

Wir verlosen ein Gratis-Exemplar des Buches!

Bitte einfach eine kurze e-mail mit dem Betreff „Felix“ an Japanfreundehamburg[at]googlemail.com senden.

Der/die Gewinner/in wird von uns umgehend benachrichtigt.

Einsendeschluß ist der 30.11.2012. Viel Glück!

Wer sich nicht auf sein Glück verlassen möchte, kann das Buch hier bestellen:

Fukushima: Der Westen und die Kultur Japans

Montag, 1. Oktober 2012

Großer Andrang beim japanischen Sommernachtsspaziergang

Proppevoll war am achten September der stimmungsvoll beleuchtete japanische Garten von Planten un Blomen, als sich eine multimediale Kunst-Aktion wie von selbst zu einem künstlerisch gestalteten japanischen Sommerfest verwandelte, mit dem der Hamburger Sommer wohl bedauerlicherweise ausklingen wollte. 


In einer letzten lauen Sommernacht genossen hunderte von Besuchern aller Altersklassen von Anfang bis Ende nicht nur die beeindruckend ausgefeilte Video-Licht- und Soundanimation der Szenografin Yukijung, die auf immer wieder überraschende Weise Japan nach Hamburg holte und dem Publikum neben viel japanischer Symbolik den Wandel der Jahreszeiten vor Augen führte - stets perfekt abgestimmt auf den Ort der Installation. Wie von Zauberhand verwandelte sich so das Teehaus immer wieder aufs Neue - schien einmal zu schweben, mal verwandelte es sich sogar in Japans heiligen Berg. 

Auch das Beiprogramm zu dieser Videoinstallation gab sich alle Mühe, zum Verweilen einzuladen. Neben leckerem vegetarischem Sushi und Getränken gab es zunächst bis zum Einbruch der Dunkelheit eine Lesung der schönsten japanischen Märchen und Samurai-Geschichten mit den Japanfreunden Hamburg zu hören - die ungewöhnlicher Weise spontan "open air" gehalten wurde aufgrund der unerwartet großen Besucherzahl. Ein wenig mehr konnten die Besucher traditionelle japanische Kultur darüber hinaus kennen lernen, indem sie sich im ebenfalls stimmungsvoll geschmückten Teehaus informierten und einfach den leckeren Tee genossen.



 Noch vor dem multimedialen "Haupt-Akt" von Yukijung bekamen die Besucher einen besonderen künstlerischen Leckerbissen geboten. Julian Schäfer spielte als Einleitung zur Videoprojektion auf der Shakuhachi ein wirklich besonderes Konzert. Begleitet von Joachim Kamps auf dem Piano boten die beiden ein kongeniales Team, das "east meets west" in eine beeindruckende Dimension hob. Ausgehend von sehr traditionellen japanischen Klängen, wie sie in mittelalterlicher Zen-Musik und traditionellen japanischen Liedern zu finden sind, reizte Julian Schäfer die Grenzen seines Instruments immer wieder aus und schlug virtuos wie scheinbar ganz selbstverständlich den Bogen zu modernen Jazz-Improvisationen. Wenngleich auf vornehme Weise eher im Hintergrund begleitend, verblüffte Joachim Kamps am Piano dennoch erheblich mit einem selten zu hörenden Einfühlungsvermögen und sorgte wie auch bei seinem eigenen Duo "Hartmann und Kamps" für eine enorme emotionale Durchschlagskraft der gesamten Musik. Dass die zwei Welten, die sich hier musikalisch begegneten, sich so harmonisch vereinen, ein anderes mal aber auch genauso in sich stimmig unterscheiden und reiben können, war ein besonderes Erlebnis, das wirklich häufiger zu hören sein sollte. 


Die schönste Stadt der Welt zeigte sich mit diesem kleinen abendlichen Festival großzügig und von ihrer besten Seite, selbst die Wettergötter hatten ein Einsehen und so bleibt nur noch zu hoffen, dass der japanische Sommernachtsspaziergang im kommenden Jahr noch einmal zu genießen sein wird.

                       video

Und weil die beteiligten Künstler auch sonst noch viele interessante Projekte zu bieten haben, hier abschließend ein paar links:



Sonntag, 16. September 2012

Auf nach Berlin!

+++ UNSERE BESONDERE EMPFEHLUNG +++


Der Architekt, Autor und Maler Kyohei Sakaguchi präsentiert im Rahmen des Festivals "Foreign Affairs" der Berliner Festspiele unter dem Titel "Zero Public - Practice for Revolution" von ihm so genannte "Zero-Yen-Häuser", die in der Tat als revolutionär gelten können. 

Inspiriert von dem "mobilen Lebensstil" und den Überlebensstrategien der Obdachlosen in japanischen Großstädten stellt der Architekt, Autor und Maler kritische Fragen nach unserem Konsumverhalten und unseren gängigen Definitionen von Wohnräumen und öffentlichen Räumen. Seine Wohnkonstruktionen kosten kaum etwas, weil sie aus lauter Materialien bestehen, die andere wegschmeißen: Bauabfälle, ausgediente Autobatterien, Solarzellen und aus vielen Einzelteilen zusammengesetzt können seine Bauten jederzeit schnell ab- und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. 

Geschickt nutzt er dabei eine Lücke im japanischen Baurecht, um fahrbahre "Wohneinheiten" auf brachliegendem Gelände oder auf öffentlichen Plätzen aufzustellen, denn eine Struktur auf Rädern gilt in Japan formaljuristisch nicht als als Wohnung. Kyohei Sakaguchi deutet so das Konzept von Privateigentum auf innovative Weise um und zielt dabei auf eine neuartige Öffnung unseres gemeinsamen Lebensraumes ab. 

Für die Ausstellung "Foreign Affairs" der Berliner Festspiele errichtet er nun ein solches mobiles Haus auf Rädern direkt vor dem Haus der Berliner Festspiele, das aus einer fünfteiligen Wohneinheit besteht. Und jetzt kommt der Clou: Der Komponist Marino Formenti wird darin drei Wochen lang in einem "Selbstversuch" leben und Klavier spielen, während das Publikum kommen, gehen oder auch bleiben kann, wann und so lange es möchte! 

Im Oberen Foyer des Hauses der Berliner Festspiele werden parallel dazu eine Auswahl von Entwürfen, Bildern, Videos und Texten Sakaguchis gezeigt sowie weitere Hintergrundinformationen zum Projekt "Mobile House" gegeben.  

Am 30. September erhalten die Besucher dann Gelegenheit zu einem Künstlergespräch (alle Termine auch in unserem Veranstaltungskalender).


Und hier die Daten: 

Freitag, 28. September - 20. Oktober, 11.00-23.00 Uhr
Ausstellung "Zero Public - Practice for Revolution"
im Rahmen des Festivals "Foreign Affairs" der Berliner Festspiele
Berliner Festspiele
Schaperstraße 24
10719 Berlin

-> Achtung: Die Vernissage findet bereits am Donnerstag 27. September, um 19.00 Uhr statt!

Weitere Informationen: http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/foreign_affairs/programm_fa/programm_fa_gesamt/fa_veranstaltungsdetail_47330.php

 

Sonntag, 2. September 2012

Herzliche Einladung zum japanischen Sommernachtsspaziergang

Ein viel zu kurzer Sommer droht zu Ende zu gehen, aber zu dessen Ausklang sind noch einmal alle Japaninteressierten aus Hamburg und Umgebung herzlich zu einem besonderen Japan-Event eingeladen, das alle Sinne anspricht:



Am 08. September wird ab 20 Uhr im Japanischen Garten von Planten un Blomen rund um das Teehaus ein "Sommernachtsspaziergang" stattfinden, der zunächst mit einer Lesung der schönsten japanischen Märchen und Samurai-Geschichten mit den Japanfreunden Hamburg beginnt.

Danach verwandelt die Szenografin Yukijung das Teehaus mit ihrer Multimedia-Installation zum Thema "Vier Jahreszeiten" in eine Bühne voller zauberhafter, überraschender Effekte.

Eingeleitet wird die Video-, Licht- und Soundanimation von den Musikern Julian Schäfer und Joachim Kamps. Zur Piano-Begleitung von Joachim Kamps wird Julian Schäfer auf der klassischen Shakuhachi die Zuhörer auf eine die halbe Welt umspannende musikalische Rundreise mitnehmen, bei der mittelalterliche Zen-Musik, traditionelle japanische Lieder bis hin zu Jazz-Improvisationen zu hören sein werden.  

Ausklingen wird der Abend mit einer sonst selten zu sehenden und edlen Kyudo-Vorführung. Und wer möchte, kann sich an leckerem grünen Tee und vegetarischem Sushi laben.

Kaum zu glauben, aber der Eintritt ist frei... Die schönste Stadt der Welt zeigt sich großzügig, trotz Krise!

Wir freuen uns auf Euch!

Freitag, 13. April 2012

Neuer Roman von Yoko Ogawa

Literarische Liebeserklärung an die Mathematik  

als Kunst-Religion


Yoko Ogawa hätte der Star des Japan-Tags des jüngsten Harbour Front Literaturfestivals werden sollen (an dem auch die Japanfreunde Hamburg mit einer Lesung teilnahmen) und nachdem die Veranstalter bereits die Zusage erhalten hatten, klappte es dann leider kurzfristig doch nicht. Besonders bedauerlich für Hamburg, denn Ogawa war bereits einmal im Jahr 2003 im Rahmen des Berliner Internationalen Literaturfestivals zu Gast in Deutschland. Sie ist eine der wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen Japans und ihre seit gut zehn Jahren auf Deutsch erschienenen Romane haben ihr auch in Deutschland eine große und treue Fan-Gemeinde eingebracht.

Wie ist also der neue Roman von ihr?

„Das Geheimnis der Eulerschen Formel“ (Originaltitel „Hakase no Aishita Sushiki“) erschien in Japan bereits 2003, in Deutschland nun vor einer Woche und einem Tag. Wer Ogawas Art zu erzählen mag, der wird auch hier voll auf seine Kosten kommen, das Buch ist vor allem in stilistischer Hinsicht ein für Ogawa sehr typischer Roman, zeigt inhaltlich aber völlig neue Qualitäten, die man von Ogawa in dieser Form so auf Deutsch gar nicht kennt.

Das fängt bereits mit dem Thema an. Mathematik? Naturwissenschaft? Ist das denn interessant? - Nun, für Japaner offenbar schon, denn zweieinhalb Millionen Mal(!) verkaufte sich dort der Roman, bevor er in 16 Sprachen übersetzt wurde.

Das deutsche Publikum tut sich erfahrungsgemäß schwer mit dem crossover von Wissenschaft und Kunst - der grandiose historische Roman über das unfassbar abenteuerliche Leben des (Berliner) Erfinders des Computers, Konrad Zuse, dessen Erlebnisse im Bombenhagel des 2. Weltkriegs den Adrenalinspiegel der Leser unfreiwillig in die Höhe treiben, schaffte es in Deutschland nicht in die Bestseller-Listen, obwohl mancher fiktive Geheimagent im Vergleich zu dieser realen Lebensgeschichte wie ein blasser Langweiler dasteht.


Also Mathematik. Worum geht es? Ein brillanter Mathematikprofessor, ein stilles Genie, das immer wieder die internationale Fachwelt zu überraschen vermag, überlebt einen schweren Verkehrsunfall, hat allerdings Zeit seines restlichen Lebens mit einem höchst ungewöhnlichen Folgeschaden zu leben: Sein Kurzzeitgedächtnis umfasst nur noch achtzig Minuten, danach erinnert er sich an nichts mehr und alles beginnt für ihn von vorn, ähnlich wie die Endlosschleife einer alten Videokassette, die immer wieder neu bespielt wird.

Um in seinem Alltag wenigstens grob zurecht zu kommen, heftet er sich kleine Notiz-Zettel an alle möglichen Stellen seiner Kleidung, die ihn alle achtzig Minuten an die ‚basics‘ seines Lebens erinnern sollen. Diese und ein Arsenal weiterer skurriler Verhaltensweisen lassen die Figur den Lesern äußerst plastisch und lebendig vor Augen treten - und sicherlich in ihr Herz schließen. Der Professor lebt in der Obhut seiner Schwägerin und verschleisst wegen seiner schwer zu ertragenden Eigenheiten eine Haushälterin nach der anderen. Erst mit Haushälterin Nummer 9 und ihrem liebenswerten Sohn wird alles anders.

Ob die beiden wollen oder nicht, sie sind aufgrund der unfreiwilligen Eigenarten des Professor gezwungen, in dessen Welt einzutauchen. Puuh... ein Mathe-Genie... wie soll man das bloss aushalten? Was dann passiert, ist aber vollkommen überraschend.

Mathe ist bei Ogawa nämlich ganz anders, als wir das aus der Schule kennen. Der Professor ist ein ‚echtes‘ Genie, das nicht nur gut rechnen kann, sondern der mit seiner Art der Mathematik stets auf der Suche nach der ‚Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit‘ ist. Ein romantischer Topos? Bei Ogawa ein wenig, durchaus. Denn die Mathematik entpuppt sich bei Ogawas Professor als ein Mittel, im scheinbar schnöden, unspektakulären Lebensalltag neue Bedeutungen zu entdecken, unerkannte Beziehungen zwischen den Menschen, zwischen den Menschen und den Dingen, aber auch zwischen den Menschen, den Dingen und der Natur zu erkennen, oft sogar einen winzig kleinen Einblick in die ewigen Gesetze des Universums und die einer höhren Macht zu erhaschen. Gemeinsam mit Haushälterin Nummer 9 gehen die Leser so auf eine ungewöhnliche Entdeckungsreise, bei der auch die ästhetische Seite der Mathematik immer wieder aufscheint. Die Haushälterin kommt so aus dem Staunen nicht mehr heraus, fängt, im Rahmen ihrer laienhaften Möglichkeiten, sogar selber an, sich für die Wunder der Mathematik zu begeistern.

Wie schafft der Roman das? - Gibt es in dem Roman etwa Zahlen, Formeln, mathematische Grafiken? Haltet euch fest: Ja, die gibt es. Tatsächlich. In einem Roman. Und der Roman ‚funktioniert‘ - man wäre hier geneigt zu schreiben ‚dennoch‘ -, aber genau das stimmt in diesem Fall nicht. Und das macht den Roman angesichts des schwierigen Themas so bemerkenswert. Der Roman funktioniert nicht trotz, sondern gerade mit der Mathematik. Ein bemerkenswerter Aha-Effekt.

Auch wenn mir persönlich als jemanden, für den die Schul-Mathematik ein nicht enden wollendes Horrorspektakel darstellte, in manchen Passagen die Darstellung etwas zu ausführlich erschien, schafft es der Roman dennoch mit viel Liebe und Hingabe an die Sache, selbst solch hoffnungslosen Fällen wie mir die ‚Wunder der Mathematik‘ deutlich zu machen, insbesondere auch, zu welchen oft faszinierenden Erkenntnissen man kommen kann, wenn man versucht, die Welt mit den Augen der Mathematik zu sehen.

Die so wahrnehmbare ‚Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit‘ mit ihren ewigen Gesetzen geben den Romanfiguren immer wieder einen starken inneren Halt, insbesondere, wenn ihre Psyche in unerbittlich-grausame Abgründe blicken muss. Hier wird die Mathematik gerade mit Hilfe ihrer ästhetischen und philosophischen Seiten zu einer Art Religion ohne Religiosität, einer Art intellektueller Kunst-Religion, die ihre Anhänger die Welt neu und reicher erfahren lässt. Und wer möchte, kann als Leser davon einfach etwas mit in sein Leben hinein nehmen.

Umgekehrt bringen Haushälterin und Sohn aber auch die bis dahin verschüttete menschliche und emotionale Seite des Professors wieder zurück in seine schwierige, überschaubar kleine Alltagswelt. Eine tragische, vergangene Liebe, seine mehr als vorbildliche väterliche Sorge um den Sohn der Haushälterin, ungewohnte menschliche Nähe, eine bedingungslose Leidenschaft für Baseball und vieles anderes, Herzerwärmendes und Trauriges, allesamt besondere Momente aus der ganzen Bandbreite eines eigenwilligen Lebens.

Der Roman fragt aber auch sehr geschickt nach dem, was bleibt - am Ende eines Lebens, was einen Menschen in seinem Kern ausmacht, wie wichtig das Erinnern für die Identität eines Menschen ist, was die innere und äußere Würde eines Menschen ausmacht, worauf es rückblickend in einem Leben ankommt...

Trotz aller Lebendigkeit der Figuren entwickelt dieser Roman Ogawas vielleicht nicht die verblüffende, metaphysische Sogwirkung, die viele ihrer anderen Arbeiten so besonders macht. Dafür bietet der Roman viel anregenden Stoff zum Nachdenken, wobei sie es schafft, dem ihr zentralen Thema Spiritualität eine für ihr Werk neue und wichtige Facette abzugewinnen, wodurch ihr Werk nun als wesentlich ganzheitlicher ausgerichtet erscheint. Ein Roman, der sicherlich viele Augen öffnet und dessen Kunst-Religion hoffnungsfroh stimmt.

(c) Tadashi Okochi
Der Verlag Liebeskind hat sich um die Etablierung der Autorin in Deutschland bislang sehr verdient gemacht, ihr eine Fan-Gemeinde erschlossen, die der Verlag mit regelmäßigen Neu-Veröffentlichung gut versorgt. Die Bücher sind nicht nur ansprechend gestaltet, auch findet sich - so weit ich dies beurteilen kann - in der Übersetzung nur selten einmal ein (wenn dann marginaler) Fehler. Was aber heftig zu bedauern bleibt: Die deutsche Leserschaft erreichen die Bücher Ogawas nur mit einer gehörigen Verspätung - im vorliegenden Fall erschien der Roman in Japan fast zehn Jahre früher.

Wenn die größte deutsche Buchhandelskette anfängt, in ihren Buchhandlungen nun auch diverse Geschenkartikel und bald wohl mehrheitlich „non-books“ anzubieten, nachdem bereits vielerorts die Gastronomie dort eingezogen war, macht dies überdeutlich, dass den Verlagen in Deutschland ein eiskalter Wind stramm ins Gesicht weht.

Deshalb sollten die verbliebenen Leser aufrichtiges Verständnis dafür zeigen, dass ein Verlag erst einmal abwartet, ob sich ein Titel international in Gestalt hoher Verkaufszahlen bewährt, bevor er das Risiko eingeht, das Buch auch auf dem demografisch schrumpfenden deutschen Markt zu veröffentlichen. So jedoch sind die deutschen Leser, die nicht über profunde Japanisch-Kenntnisse verfügen, von der aktuellen literarischen Entwicklung in Japan restlos abgeschnitten, haben keine Chance zu erfahren, in welche Richtung sich ihre Lieblingsautorin aktuell entwickelt.

Das ist sehr schade. Denn die Sprache der Kunst  wie auch der Mathematik lebt vom internationalen Austausch, vom zeitgenössischen Dialog derjenigen Menschen, die in diesen gedachten Welten leben.